Deutsche Übersetzung zum TEDx Talk – „Nachhaltiges Verhalten“

Liebe Wandelwerker*innen, wie versprochen hier die deutsche Übersetzung zu meinem TEDx Talk vom 27.05.2019 zum Thema „Empowering Sustainable Behavior“.

Mmmh Schokolade…

In unserer Kantine steht eine Schüssel mit köstlichen Süßigkeiten auf dem Tisch. Jeden Tag während der Mittagspause, wenn ich gegessen habe und noch einen Moment mit den Kollegen quatsche, überlege ich kurz, … aber ich kann einfach nicht widerstehen. Unser Chef entscheidet etwas für die Gesundheit seiner Mitarbeiter zu tun. Also lässt er fortan jeden Mittag frisches, saisonales Obst aufschneiden und anstelle der Süßigkeiten auf den Tischen platzieren. Natürlich nasche ich, heute sogar mit einem guten Gewissen. Die Süßigkeiten sind weiterhin kostenlos verfügbar, aber sie stehen jetzt im Kühlschrank. Ich muss also aufstehen um mich zu bedienen.

Den Mechanismus dessen sich unser Chef bedient hat, nennt man „Nudging“. Er zwingt mich das ungesunde Verhalten bewusster zu reflektieren, während das automatische Verhaltensmuster zugunsten der gesunden Alternative eingesetzt wird. So unterstützen mich die Tricks der Verhaltenspsychologie eine klügere Entscheidung zu treffen.

In Bezug auf Nachhaltigkeit finde ich solche Instrumente super spannend, denn sie funktionieren ohne Verbote, keine Strafen und die alternative Option steht weiterhin zur Verfügung. Ich freue mich also Ihnen heute Abend zu zeigen, wie einfach Menschen zu nachhaltigerem Verhalten motiviert werden können.

2. Nachhaltiges Verhalten

Wir alle wissen um die Situation auf unserem Planeten. Die zunehmende globale Erwärmung, Klimawandel, Luft- und Wasserverschmutzung, Ressourcenknappheit. Seit Jahrzehnten drängen Wissenschaftler, dass es tiefgreifender Veränderungen in unserem Wirtschaftssystem bedarf, sowie der Art wie wir leben und konsumieren.

11 Tonnen, ist der durchschnittliche CO2 Fußabdruck eines deutschen Verbrauchers. Die Erde kann maximal 3 Tonnen pro Person bewältigen. Für diesen Wert ist die Art wie wir leben, heizen, unsere Ernährung, unser Mobilitäts- und Konsumverhalten verantwortlich. Das gute an dieser Tatsache: Es bedeutet, dass jeder Einzelne von uns die Chance hat etwas zu bewegen.

Aber wenn das so einfach ist, warum passiert denn dann eigentlich nichts? Viel schlimmer noch: Unsere Emissionen nehmen weiter zu, unsere Wohnflächen werden immer größer, ebenso unsere Autos, oder die Strecken die wir per Auto oder Flugzeug zurücklegen. Wie kann man sich rational erklären, dass den meisten von uns die Rettung dieses Planet wirklich am Herzen liegt, aber sich unser Verhalten ins Gegenteil entwickelt?

Es liegt daran, dass unser Verhalten nicht ausschließlich von rationalen Prozessen gesteuert wird. Unsere Entscheidungen werden von zwei Systemen beeinflusst: ein rationales, dass bewusste Entscheidungen trifft, die auf sorgfältigen Überlegungen basieren. Und einen Automatismus, der am Rande unseres Bewusstseins reagiert. Das rationale System sorgt dafür, dass Sie sehr genau überlegen, ob sie von den Kartoffelchips vor Ihnen naschen. Spätestens nach dem dritten Mal ist der Autopilot aktiviert und sie können dieses Verhalten nur noch unter großem Aufwand stoppen.

Neben dieser Autopilot-Funktion gibt es weitere Faktoren, die unser nicht-nachhaltiges Verhalten begünstigen. Beispielsweise der persönliche Bezug. In meinem Alltag habe ich nicht das Gefühl direkt von den globalen Herausforderungen betroffen zu sein. Für mich fühlt es sich so an, als fänden sie irgendwo anders auf der Welt statt. Das Abschmelzen des arktischen Eises, die Abholzung von Regenwald in Südamerika, Luftverschmutzung in Indien oder China. Ich fühle keine direkte Bedrohung, die mich antreibt mein Verhalten zu ändern.

Ablenkung: Darüber hinaus ist unser modernes Leben so stressig und eng getaktet. Es gibt so viele Verantwortlichkeiten und Aufgaben denen wir jeden Tag gerecht werden müssen. Natürlich finde ich es widerlich, wie Tiere für die Fleischindustrie gehalten werden, oder die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Kindern in afrikanischen Mienen. Aber ich habe einfach nicht genügend Zeit darüber nachzudenken.

Auch gesellschaftliche Zwänge spielen eine Rolle. Wer möchte schon als Öko-Freak dastehen? Wir sind soziale Wesen, biologisch gesteuert uns in die Gesellschaft einzufügen. Daher folgen die meisten von uns ganz unbewusst dem gesellschaftlichen Mainstream.

Gewohnheiten: Und letztlich: Gewohnheiten abzulegen ist so viel schwieriger als auf bestehenden Pfaden zu bleiben.

3. Lenkungsmechanismen

Sie sehen, es gibt viele Gründe und Ausreden warum sich Menschen nicht nachhaltig verhalten. Also brauchen wir Mechanismen die sie dabei unterstützen.

Wir können Verbote und Strafen einsetzen. So wie unsere Umweltplakette, die Autos die Durchfahrt durch Innenstädte verbietet, wenn bestimmte Abgaswerte nicht eingehalten werden. Oder eine CO2 Steuer, die nicht-nachhaltiges Verhalten mit Extra-Kosten bestraft. Diese Instrumente arbeiten mit negativen Konsequenzen, aber es gibt unzählige andere Tools die Menschen durch positive Anreize zum Handeln motivieren. Erinnern sie sich an den Nudging-Mechanismus den ich eingangs vorgestellt habe?

Wir können Menschen dabei unterstützen ein neues, nachhaltiges Konsumverhalten zu entwickeln, indem wir Barrieren reduzieren.

Physische Barrieren: Beispielsweise indem das Bio-Produkt als das günstiger Produkt im Supermarkt angeboten wird. Eigentlich sind Bio-Produkte sogar die günstigeren Produkte, wenn wir bei der Preisgebung die Finanzierungskosten, Subventionen und die Umweltfolgekosten von Industrieprodukten berücksichtigen würden.

Ein weiteres tolles Beispiel kommt aus Amsterdam und Kopenhagen. Diese Städte haben gezeigt, dass man das Mobilitätsverhalten der Bevölkerung gezielt verändern kann, indem man attraktivere Fahrradwege installiert und den öffentlichen Nahverkehr gut getaktet und preislich angemessen gestaltet.

Soziale Barrieren: Soziale Barrieren zu senken kann auch sehr hilfreich sein. Menschen übernehmen ein neues Verhaltensmuster umso lieber, wenn es im Trend liegt. Was würden Sie denken, wenn unsere Stars und Sternchen plötzlich Minimalismus und nachhaltigen Konsum praktizierten, anstatt opulenter Jetset Lifestyles?

Standard-Optionen: Noch effektiver funktioniert Verhaltenssteuerung, indem man die nachhaltigere Option zur Standardoption macht. Damit fällt das unbewusste, automatische Verhalten zugunsten des nachhaltigen Verhaltens aus. Raten sie mal: Wie viel Wasser kann ein Hotel einsparen, wenn es die Eco-Flow Option anstatt der Multi-Flow Option als Standard in seinen Duschen einstellt? Bis zu 30%, sowie die Energie die zum Heizen aufgewendet wird.

Belohnung: Auch Belohnungsmechanismen eignen sich um Menschen zu nachhaltigem Verhalten anzureizen. Beispielsweise über Steuererleichterungen für CO2 neutrales Verhalten.

Auch die chinesische Regierung experimentiert derzeit in unterschiedlichen Lebensbereichen mit Anreizmechanismen. Im Bereich der Nachhaltigkeit finde ich einen solchen Mechanismus spannend, denn er könnte beispielsweise ermöglichen, Menschen zu belohnen, die sich ehrenamtlich engagieren, ihr Viertel begrünen oder für ihren Einsatz die Eltern zu pflegen. Dinge die in der heutigen Gesellschaft kaum noch Anerkennung erfahren. Zusätzlich zur Wertschätzung könnten wir dieses Engagement auch mit Vorteilen in anderen Lebensbereichen belohnen, z.B. bei der Vergabe von Krediten, Bildungsgutscheine oder zusätzliche medizinische Leistungen. Alles Dinge die bisher nur Menschen mit einem entsprechenden finanziellen Hintergrund möglich sind.

4. Gefahrenpotenziale

Wie geht es Ihnen, wenn Sie über das chinesische Sozialkredit-System nachdenken? Nehmen Sie sich Zeit in diese Emotion hinein zu spüren. Sind da starke, negative Gefühle, wie Ablehnung, Angst, Bedrohung oder Verärgerung? Vielleicht stehen diese Gefühle mit einem Artikel in Verbindung den sie erst kürzlich gelesen haben. Aber warum fühlen Sie denn nicht eine derartige Bedrohung wenn Sie an den Klimawandel denken?

Ehrlich gesagt bereiten mir die anderen Mechanismen noch mehr Sorgen. Denn sie arbeiten hochgradig intransparent und wirken ausschließlich auf unser Unbewusstsein. Wir merken also nicht, dass wir manipuliert werden, Sie gehen davon aus, dass sie eine freie Entscheidung fällen. Dabei kennen sie weder die Parameter die als „richtiges“ Verhalten definiert werden, noch die Instanz, die über diese Parameter entscheidet. Damit verbunden laufen wir Gefahr, dass Instrumente wie diese eingesetzt werden, nicht um dem Gemeinwohl zu dienen, sondern um andere Interessen zu fördern.

Tatsächlich ist es so, dass diese Instrumente seit Jahrzehnten von Marketing-Profis eingesetzt werden um uns zum Konsum zu verführen. Statt unseren Verbrauch an Ressourcen zu senken um unseren Planeten zu schonen, kaufen wir immer größere Autos, machen weitere Flugreisen, schmeißen Geräte weg, anstatt sie zu reparieren. Verhaltensökonomie oder Neuromarketing heißt die Disziplin. Demokratie braucht mündige Bürger, daher braucht es Transparenz im Einsatz solcher Mechanismen. Gleichzeitig muss das Gemeinwohl und die Würde eines jeden Menschen über wirtschaftliche Interessen gestellt und geschützt werden.

Darüber hinaus treibt mich persönlich an, dass wir mit der Installation solcher Mechanismen nicht die größte Ursache unseres (Fehl)Verhaltens heilen: das Unbewusstsein. Also warum sollten wir unsere Verantwortung abgeben und warten bis irgendwelche Politiker Mechanismen installieren? Ich möchte meine Verantwortung nicht abgeben und ich möchte auch nicht länger warten. Wir müssen JETZT handeln!

5. Pathologie

Dafür müssen wir die wahren Gründe unseres destruktiven Verhaltens auflösen:

Das Glück der Dinge:  Jeder Mensch strebt nach Glück. Aber wir meinen, dass Glück von irgendwo im Außen kommt. Eine erfolgreiche Karriere, ein tolles neues Auto, eine erfüllende Partnerschaft. Wir reisen in ferne Länder und belohnen uns immer wieder mit kleinen Dingen die wir überall für Geld kaufen können. Diese Art von Glück ist so ineffizient. Ich nenne es, das „Feuerwerk-Glück“. Denn es entfaltet sich in einer spektatkulären Explosion, aber ist auch rasch wieder verschwunden. Schlimmer noch: je öfter wir es tun, desto kürzer halten diese Höhepunkte an. Wie ein Drogensüchtiger brauchen wir rasch wieder neues Futter. Wahres Glück ist so einfach zu finden, wenn wir nur die kleinen Dinge des Lebens zu sehen und wert zu schätzen lernen. Wie die kleinen Vögel, die in den Bäumen zwitschern, während Du auf Deine Verabredung wartest.

Es reicht nicht!: „Es reicht nicht!“ Die meisten von uns leben in einem permanenten, unterschwelligen Gefühl des Mangels. Ein altes Bewusstsein, dass unseren Urinstinkten nach Überleben entspringt. Dieser Überlebensmodus ist angstgesteuert und egozentrisch. Er bringt weitere destruktive Gefühle wie Gier, Neid und Missgunst hervor und sorgt so für das unnötige Anhäufen materieller Dinge die wir eigentlich nicht brauchen. „Es ist nicht genug!“ wie ein ständiger Antreiber sitzt der Dämon auf nseren Schultern und drängt uns schneller und besser zu werden. Er lässt Sie im Alltag rotieren und funktionieren, weil wir noch nicht schön genug, nicht männlich genug, nicht erfolgreich genug, nicht schlank genug sind. Dieses überholte Gedankenmuster führt zu einer fortwährenden Ausbeutung von Ressourcen, auch unserer Eigenen.

Wie würde es sich anfühlen, wenn Sie genug hätten? Ich lade sie ein einen tiefen Atemzuge zu nehmen und voll und ganz in den gegenwärtigen Moment einzutauchen. Sie werden sofort spüren: genau hier, genau jetzt, habe ich genug. Wir leben in einer Gesellschaft der Fülle, „Es ist nicht genug“ ist einen Fiktion Ihres Verstandes.

Zukunftsprojektionen: Vielleicht haben meine Worte Sie erreicht und für eine kurzen Moment waren sie davon überzeugt, dass Sie genug haben. Sofort beginnt die Stimme in Ihrem Kopf wieder an zu plappern: „OK, gerade in diesem Moment habe ich genug. Aber was ist mit morgen, was ist mit nächstem Jahr, was ist mit meiner Rente?“

Ihre Gedanken kreieren eine fiktionale Zukunft von der Sie nicht wissen, ob sie jemals eintritt. Wenn ich das Publikum heute Abend so betrachte, gehe ich davon aus, dass das Durchschnittsalter bei ca. 35 Jahren liegt. Seien Sie ehrlich zu sich selbst: Wie oft haben Sie in ihrem Leben nachts wach gelegen und wertvolle Zeit mit dem Brüten ängstlicher Zukunftsgedanken vergeudet? Aber wissen sie was? Sie sind immer noch da! Hören sie auf ihre Zeit zu vergeuden. Leben Sie im Hier und Jetzt!

Illusion der Trennung: Die vierte Pathologie unserer Zivilisation ist die Illusion der Trennung. Auf diesem Planeten steht alles miteinander in Verbindung. Ein hoch komplexes System in dem das eine das andere bedingt. Wenn Sie Abgase in die Luft pusten, weil Sie ständig mit dem Auto unterwegs sind oder fliegen, ist es die Luft die Sie atmen, diese Luftverschmutzung verschmutzt den Boden, der Sie nährt, das Wasser von dem Sie trinken.

Das funktioniert übrigens auch auf zwischenmenschlicher Ebene: Ob sie ihre negative Energie an ihrem Taxifahrer auslassen, der seine schlechte Laune an den nächsten Fahrgast weitergibt, oder ob Sie Menschen einen Moment des Glücks und der Wertschätzung schenken. Alles kehrt zu Ihnen zurück. Und so machen Sie sich auch als Konsument mitschuldig an den Bedingungen wie Tiere gehalten werden, wie Menschen ausgebeutet werden, wie der Regenwald für Palmenöl abgeholzt wird, weil jeder Einkauf einer stillen Zustimmung gleich kommt.

6. Innere R/Evolution

Wenn wir wirklich den Wunsch haben unsere Gesellschaft zu verändern, dann haben wir heute die historische Gelegenheit unsere Art durch eine inneren (R)Evolution weiterzuentwickeln. Es ist feige zu warten bis Politik oder Wirtschaft sich ändern. Was erwarten Sie von Menschen die alle von der gleichen Pathologie betroffen sind?

JETZT haben Sie die Chance über ihre infantilen Bedürfnisse hinauszuwachsen und Ihre Unbewusstheit zu überwinden, Verantwortung für ihr Denken und Handeln, Konsumieren und Miteinander zu übernehmen. Als machtvoller Schöpfer haben Sie die Fähigkeit aktiv die Zukunft nach der Sie sich sehnen zu gestalten: Eine Zukunft der Wertschätzung, Freude, des Respekts und der Gleichheit. In Harmonie unter den Menschen und mit unser bezaubernden Erde. Danke

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